Netzwerk Kinderrechte

Kinderrechte digital – Rückblick auf die Fachtagung

Smart Toys im Kinderzimmer, Sexting in den sozialen Medien, der Einsatz von Software zur Fallbearbeitung im Kindesschutz – digitale Technologien sind im Alltag von Kindern und Jugendlichen in vielerlei Hinsicht stetig präsent:  Bildung, Gesundheit, das wirtschaftliche Leben aber auch Freizeitbeschäftigungen beruhen zunehmend auf digitalen Technologien. Die digitale Welt entwickelt sich rasant. Dies bringt neue Chancen für die Verwirklichung der Kinderrechte mit sich, birgt aber auch Risiken für Kinderrechtsverletzungen. Es gilt dafür zu sorgen, dass Kinder im digitalen Wandel mitgedacht und ihre Bedürfnisse aufgenommen werden.


An der Fachtagung „Kinderrechte digital“ vom 13. September 2022 diskutierten Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft und Praxis über die Umsetzung der Kinderrechte in der digitalen Welt. Die Tagung wurde gemeinsam vom Netzwerk Kinderrechte Schweiz und UNICEF Schweiz und Liechtenstein organisiert. Ziel der Tagung war einerseits, die  aktuelle allgemeine Bemerkung des UN-Kinderrechtsausschusses zu den Rechten des Kindes im digitalen Zeitalter bekannt zu machen. Und andererseits die Empfehlungen des UN-Ausschuss an die Schweiz mit Bezug zur digitalen Welt zu diskutieren.


Verantwortung privater Unternehmen für den Schutz der Kinderrechte

Philip D. Jaffé, Vize-Präsident des UN-Ausschusses für die Rechte des Kindes betonte, dass das Recht auf Zugang zur digitalen Welt, zum Informationsfluss, zu Bildungs- und Kommunikationsmöglichkeiten ein fundamentales Kinderrecht darstellt. Die Digitalisierung bringe aber auch Risiken mit sich – für den Schutz des Kindes vor Gewalt im Netz, aber auch den Schutz der Privatsphäre. Insbesondere mit Blick auf Rolle der Privatwirtschaft für den Schutz der Kinderrechte bestehe Handlungsbedarf: Private Unternehmen müssen in die Verantwortung genommen werden. Sie seien gefordert, die Integrität und Privatsphäre des Kindes zu achten, mit Blick auf das Kind als Konsumenten, auf die Datensammlung ohne Zustimmung des Kindes, die Verwendung von Algorithmen für Neuromarketing.


Persönlichkeitsrechte von Kindern im digitalen Zeitalter wahren

Wenn werdende Eltern Ultraschallbilder des ungeborenen Kindes in sozialen Netzwerken teilen, das Leben ihrer Kleinen mit zahlreichen Fotos in sozialen Medien dokumentieren oder ihre Kinder mit «smartem» Spielzeug ausstatten, hinterlassen diese Aktivitäten Spuren im Netz. Kinder verfügen heute oftmals bereits vor ihrer Geburt einen digitalen Fussabdruck. Damit verbunden stellten sich zahlreiche Herausforderungen für den Datenschutz und den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Kinder, wie Sandra Husi-Stämpli in ihrem Referat ausführte. Datenschutz sei Grundrechtsschutz – und stehe auch Kindern zu. Kinder könnten den Schutz ihrer Grundrechte nicht nur gegenüber dem Staat, sondern auch gegenüber Privaten – beispielsweise ihren Eltern – geltend machen. Eltern seien dazu verpflichtet, sorgsam mit den Daten ihrer Kinder umzugehen. Dabei sei die Einwilligung des Kindes als Grundstein des Persönlichkeitsschutzes im Familienkontext zentral. Daten – dazu zählten Fotos – können grundsätzlich nur bearbeitet werden, wenn eine Einwilligung des Kindes vorliege. Dies Problematik akzentuiere sich bei intelligentem Spielzeug – wie beispielweise Kindersmartwatches. Die Referentin betonte, dass es dringend eine stärkere Auseinandersetzung mit rechtsethischen Fragen bedürfe – auch in der Familie. Sie plädierte für eine verstärkte Sensibilisierung und Schulung der Erziehungsberichtigten und Fachpersonen, die mit Kindern arbeiten.


Digitalisierung und Jugendgesundheit

Yara Barrense-Dias beleuchtete in ihrem Referat den Zusammenhang zwischen Bildschirmnutzung von Jugendlichen und der Gesundheit. Studien zeigten, wie exzessive Bildschirmzeit sich negativ auf die Gesundheit auswirke, beispielweise indem es Übergewicht fördere oder die psychische Gesundheit beeinflusse. Gleichzeitig sei gerade die Messung der Bildschirmzeit Jugendlicher eine Herausforderung, da für viele Jugendliche die Unterscheidung zwischen online und offline nicht immer klar ist. Gerade bei Studien zur Bildschirmzeit sei der Einbezug von Jugendlichen selbst zentral. So zeigte beispielsweise eine Studie im Kanton Waadt, dass knapp 34% der Jugendlichen ihre eigene Internetnutzung als problematisch einschätzen. Validierte Messungen gehen aber von einer kleineren Zahl aus. Jugendliche befinden sich in einer emotionalen, körperlichen und sexuellen Transformationsphase. Es erstaunt daher nicht, wenn Digitalität auch in der Sexualität zunehmend eine Rolle spielen: «Sexting», das Versenden intimer Bilder bzw. Bildern mit sexuellen Inhalten im Netz ist ein zunehmendes Phänomen unter Jugendlichen – mit entsprechenden Risiken für den Schutz ihrer Privatsphäre. Gemäss der Referentin gilt es, Jugendlich für «safer sexting» Praktiken zu sensibilisieren und qualitativ hochwertige Informationen zu Sexualität im Netz bereits zu stellen.


Kinder- und Jugendhilfe im digitalen Zeitalter

Digitalisierung und Digitalität prägen zunehmende auch den Arbeitsalltag von Fachpersonen,– sei es in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, in der offenen Kinder- und Jugendarbeit oder im Kindesschutz. Olivier Steiner beleuchtete in seinem Referat, wie die digitale Transformation die Soziale Arbeit zunehmen prägt, welche Potentiale und Grenzen sich daraus ergeben: Welche Auswirkungen hat der Einsatz von Software zur Falldokumentation im Kindesschutz auf die Beziehung zwischen Fachpersonen und Kinder- und Jugendlichen und Familien? Wie wirken sich Online-Beratungen oder In-Game Beratungen auf die Beziehungs- und Beratungsqualität aus? Eine kritische Diskussion sei auch notwendig mit Blick auf den – im angelsächsischen Raum zunehmend verbreiteten – Einsatz von automatischen Entscheidfindungssystemen, um Prognosen im Kindesschutz vorzunehmen. Gestützt auf die UN-Kinderrechtskonvention und die UN-Behindertenrechtskonvention plädierte Olivier Steiner für eine verstärkte ethische Fundierung digitalisierter Sozialer Arbeit. Diese soll auf den Grundsätzen der Inklusion, der Förderung von Medienkompetenzen von Kindern und Fachpersonen, der Teilhabe und des Einbezugs von Kindern bei der Datenerhebung sowie des Schutzes durch Begleitung, Beratung und dem Recht auf Privatheit beruhen.


Geteilte Verantwortung für die Umsetzung der Kinderrechte im digitalen Raum

Das anschliessende Podiumsgespräch mit Liliane Galley, Christian Kolly und Rafael Freuler fokussierte auf die Umsetzung der Empfehlungen des UN-Kinderrechtsausschusses an die Schweiz mit Bezug zum digitalen Umfeld in den Bereichen Schutz, Förderung und Beteiligung.


Um der Gewalt gegen Kinder im Netz zu begegnen, ist eine verstärkte Koordination und eine nationale Strategie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder gefordert. Diese soll auch das digitale Umfeld mitberücksichtigen. Weiter ist eine verbesserte Datenerhebung zwingend notwendig – beispielsweise zu problematischer Internetnutzung und deren Auswirkungen durch Kinder und Jugendlich oder zur Partizipation mit digitalen Mitteln. Zwar bestehen viele Daten zur Mediennutzung, deren Erhebung sind jedoch meist privat finanziert. Strategien für den Umfang mit Digitalität sind aber nicht nur auf nationaler Ebene erforderlich – es braucht sie auch auf kantonaler Ebene. Kantone sind gefordert, für Schulen Strategien für den Umgang mit Digitalität zu erarbeiten - beispielsweise mit Blick auf die Gewaltprävention.


Die digitale Transformation verlangt aber auch eine Förderung von Kindern und Jugendlichen im Umgang mit digitalen Medien und Digitalität – dies einerseits in der Schule aber auch in ausserschulischen Formaten wie in der Jugendarbeit. Digitalität ist auch eine Chance, um Jugendliche zu erreichen. Digitale Jugendarbeit kann Formate schaffen, die Jugendlichen den Zugang zu Kultur, zu Peer-Gruppen ermöglichen und ihre Teilhabe fördern. Schliesslich braucht es vermehrt auch Unterstützungs- und Bildungsangebote für Eltern. Digitalität muss in Beratungsangeboten verankert sein, dies gilt auch für Beratungs- und Bildungsangebote ab der frühen Kindheit. Eltern müssen darin bestärkt werden, ihre Verantwortung für die Begleitung von Kindern im Umgang mit digitalen Medien wahrzunehmen.


Austausch und Vernetzung

Rund 150 Personen haben an der Fachtagung teilgenommen und die Vernetzungsangebote genutzt. An einem «Markplatz» präsentierten Gemeinden, Städte und zivilgesellschaftliche Organisationen eine Vielzahl an Initiativen und Angebote für Kinder und Jugendliche vor.


Weitere Informationen zur Fachtagung

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